Wird der Regen kommen? Reflektionen auf ein Indien am Wendepunkt seiner konjunkturellen Erneuerung

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Op-Ed Commentary: Chet Scheltema, Manager, Dezan Shira & Associates

Der starke Monsunregen erstreckt sich, nach einer langen Dürrezeit, in diesem Sommer über ganz Indien und lässt karges Land zu einem tropischen Panorama heranwachsen. Abgesehen von der Tatsache, dass der Regen die lang ersehnte Befreiung von der quälenden Hitze bringt, so spielt der Regen eine wichtige Rolle für das Überleben des indischen Subkontinents. Der Großteil seiner enormen Bevölkerung ist immer noch ländlich ausgelegt und stark abhängig von einer ertragreichen Erntesaison. Der Reichtum von Indiens großer urbaner Bevölkerungsschicht versteckt sich in einem konstanten Fluss der indischen Gewässer, die aus dem Himalaya herab fließen. Bleibt der Monsun aus, so würde dies katastrophale Auswirkung auf Indiens Agrikultur haben, denn dies hätte ein Schwinden der Wasservorräte zur Folge. Dies sind potentiell verheerende Konsequenzen, denen sich Indien stellen müsste. Während des Aufenthalts in Delhi und Mumbai in den vergangenen Wochen, war es erstaunlich zu hören, dass die größte Frage in der Bevölkerung ist, ob der Regen auch kommen werde.

Indiens Sehnsucht nach dem baldigen Eintreten des Monsuns zeigt sich auch auf andere Weise im Zuge der diesjährigen Parlamentswahlen. Viele Inder pochen auf eine Konfrontation mit der dürren Wirtschaftslandschaft, mit der Dringlichkeit der Erneuerung, um Indiens großes Potential zu entfesseln. Sie reflektieren eine Dekade der vertanen Chancen, da Indiens vergangene Führer versagt haben, das Land nach vorne zu treiben. Stattdessen erstickte Indiens Potential durch eine Reihe von Fehlentscheidungen. Das Volk ruft förmlich nach einem Führer, der sich Indiens Herausforderungen mit starker Hand stellen wird, um das langersehnte Wirtschaftswachstum zu bewirken. Wie es scheint, wird der neue Führer Narendra Modi sein, ehemaliger Ministerpräsident des groß verkündeten Wirtschaftswunders von Gujarat. Kann er den Regen der Veränderung bringen? Die Hoffnungen sind groß. Ob nun Narendra Modi oder jemand anderes, Indiens kommender Führer muss sich einer gewaltigen Aufgabe stellen, um Indiens Potential zum Vorschein zu bringen.

Während ich in Delhi in der letzten Woche versuchte, dem armen Rikscha Fahrer mein Fahrziel zu vermitteln, so verstand er letztlich was ich meinte, und wir einigten uns auf einen Betrag von 200 Rupien. Dreißig Minuten später, nach einer angenehmen Fahrt, befand ich mich wieder in meinem Hotel. Ein vergleichsweiser großer Vorteil Indiens sind die erstaunlichen Englischkenntnisse seiner Bevölkerung. Mag es eine holprige Verhandlung mit einem Taxifahrer sein oder eine Diskussion über hochtragende Geschäftsthemen mit indischen Führungspersönlichkeiten, so ist das Auffinden eines Mindestmaßes an Englisch in der Bevölkerung eine große Erleichterung für das Leben in Indien. Offensichtlich auf die englische Kolonialisierung zurückzuführen, hat sich Indien in weiser Voraussicht diesen Umstand zunutze gemacht. In allen andern Bereichen Asiens, ist trotz grosser Bemühungen ein Mindestmaß an Sprachkenntnissen der lokalen Sprache von Nöten, da die Kommunikation ansonsten überaus frustrierend werden kann – ganz zu schweigen von den Auswirkungen auf die Geschäfte. Zu viele chinesische Joint Ventures scheiterten bereits schon auf Grund der Sprachbarriere.

Ein weiterer Vorteil Indiens ist das Hervorbringen von überaus kompetenten Führungskräften mit einem stark ausgeprägten Unternehmergeist. So sind zum Beispiel einige der hervorstechendsten Unternehmensführer in den USA oder Großbritannien indischer Abstammung. Microsofts Geschäftsführer, Satya Nadella, wurde in Hyderbaad geboren. Vikram Pandit, ehemaliger Geschäftsführer der Citigroup kommt ursprünglich aus Maharashtra (Staat in dem sich Mumbai befindet). Arun Sarin von Vodafone stammt aus Madhya Pradesh. Indisches Talent findet sich in vielen Professionen wieder. Nach Aussage des Forbes Artikels „ Indian Americans: The New Model Minority“ macht der Anteil der dort ansässigen Inder zwar nur ein Prozent der Bevölkerung aus, jedoch drei Prozent aller US-amerikanischen Ingenieure, sieben Prozent der professionellen Informatiker und acht Prozent aller Mediziner (und Chirurgen). Als ich mich selbst vor einigen Jahren in Cambridge, England, einer Operation unterziehen musste, war ich überrascht, als mir zwei indische Chirurgen vorgestellt wurden (Die Operation war ein voller Erfolg, und ich war wieder in der Lage zu gehen und zu laufen). Es ist somit nicht minder überraschend zu erfahren, dass das durchschnittliche Einkommen von Indo-Amerikanern geführter Haushalte wesentlich höher ist, als das von Ostasiaten und Weißen. Unabhängig von der Tatsache, ob die Immigration aus eigenem Willen erfolgte oder aus anderen Gründen notwendig war, so ist es Realität, dass sich indisches Talent in einem Umfeld mit hohem Wettbewerb bewiesen hat, und man kann sich fragen, wo wohl die Grenzen von Indiens Wirtschaft liegen, sollte ein solches Talent auch dort erwachen.

Indien weist eine außerordentlich begabte Bevölkerung auf sowie die Grundsteine einer global wettbewerbsfähigen Wirtschaft. Dennoch muss sich das Land auch tiefsitzenden Problemen stellen. Eine der schwerwiegendsten Probleme ist hierbei Indiens Fraktionalismus. Andere ostasiatische Konjunkturen haben sich auf eine starke und einheitliche Autorität festgelegt, die eine gut koordinierte Wirtschaftsentwicklung durch Investitionen in Infrastruktur und Export auf Produktionsbasis bewirkt haben und zudem eine gefügige und billige Arbeiterklasse geschaffen hat. Indien sowie seine Bevölkerung zeigen jedoch nur eine geringe Neigung gegenüber solch einer Zentralisierung und Fügsamkeit. In Wirklichkeit besteht Indiens Gesellschaft aus unzähligen unterschiedlichen und frei denkenden Menschen, Gruppen und Regionalpolitiken und Wirtschaftsorganen. Diskussionen und Debatten haben einen rauen Umgangston, und das Treffen von Entscheidungen ist nur bedingt einfach. Das ist der „indische Weg“, und es ist unwahrscheinlich, dass er sich in nächster Zeit ändern wird.

Eine weitere Konsequenz des Fraktionalismus sind die fehlgeschlagene Bodenreformen und eine ineffektive Urbanisierung. Eine der Voraussetzungen für den Erfolg des asiatischen Entwicklungsmodells ist die erleichterte Ansiedlung von Niedriglohnarbeiten in urbanen Zentren zu ermöglichen, wo sich Hersteller ebenfalls niederlassen können. Indien benötigt wahrscheinlich allgemeingültige Bodenreformen, um Anreize für ländliche Arbeiter zu schaffen, in die Stadtgebiete ziehen, so wie es bereits in China in den vergangenen 30 Jahren auf großer Ebene geschehen ist. Zudem müsste Indien eine urbane Infrastruktur schaffen, um auf effektive Weise die enormen Bevölkerungsmassen zu befördern. Eine solche Reform muss jedoch im gesamten indischen Raum auf Anklang stoßen. Es ist unwahrscheinlich, dass so etwas geschehen wird, ohne eine außergewöhnlich starke Zentralführung. Inder werden sich den Tatsachen der unzureichenden infrastrukturellen Entwicklung mehr und mehr bewusst. Indien leidet darunter und wird auch in absehbarer Zeit weiterhin damit zu kämpfen haben.

Fraktionalismusbirgt noch eine weitere bedauerliche Konsequenz: Er hindert Indien, mit einer einheitlichen Stimme zu seinen ausländischen Investoren zu sprechen. Inder einigen sich in der Regel in einem Punkt, nämlich dass sie von ausländischen Investitionen außerordentlich profitieren. Besonders wenn es sich um Technologietransfer handelt. Aber Indiens Behörden sind unterschiedlicher Auffassung, was für Konfusion sorgt. Während auf der einen Seite ausländische Investitionen mit offenen Armen willkommen geheißen werden, haben Indiens Behörden auf der anderen Seite widersprüchliche Entscheidungen getroffen: Die indische Legislative verabschiedete in 2012 ein Gesetz zur rückwirkenden Besteuerung und Eintreibung von mehreren Milliarden an Steuereinahmen , die in Verbindung mit internationalen Unternehmenszusammenschlüssen stehen.

Abschließen kann ich sagen, dass die Entfesselung und Lenkung von Indiens enormem Potential und die unternehmerische Energie seiner Bevölkerung mit Bestimmtheit der Schlüssel zu einer rosigen Zukunft Indiens sind. Möglicherweise wird Indien einen anderen Weg als seine ostasiatischen Nachbarn einschlagen und umgeht den Entwicklungsschritt der zentralisierten infrastrukturellen Entwicklung und der massiven Urbanisierung seiner unüberschaubaren ländlichen Bevölkerung. Viele sind zuversichtlich, dass Indiens nächster Führer, wahrscheinlich Narendra Modi, versteht was getan werden muss und alles in seiner Macht Stehende unternehmen wird, um Indien auf Erfolgskurs zu bringen.

Wie er und Indien diese Herausforderungen im Laufe der nächsten Jahre angehen werden, wird darüber entscheiden, ob Indien den aufsteigenden asiatischen Wirtschaftsmächten angehören wird, oder ob es seine Chance letztlich doch verpasst hat.

 

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Fabian Knopf, Sr. Associate, Co-Head of German Desk, Dezan Shira & Associates
Fabian.Knopf@dezshira.com

Silke Neugebohrn, Sr. Associate, Co-Head of German Desk, Dezan Shira & Associates
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